Schaltwarte AKW Zwentendorf

Energie & Innovation

Das Kraftwerk, das nie in Betrieb ging.

Am 5. November 1978 sagt eine hauchdünne Mehrheit der Österreicher: „Atomkraft, Nein Danke“. Vierzig Jahre später finden wir uns an einem transformierten Ort wieder. Ein Text von Anita Ericson.

“Beam me up Scotty.” Dieser Satz steht unausgesprochen im Raum, der sichtlich aus einer Zeit stammt als Nike-Pullis in waren und Computer in hallenartigen Nebenräumen mit Magnetbändern gefüttert wurden. Aus einer Ära, als man noch dachte, man könnte Atomkraft sicher beherrschen – und ein Endlager für radioaktive Abfälle aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie für die nächste Million Jahre würde sich über kurz oder lang auch noch finden. Die Kommandozentrale im obersten Stockwerk des Fast-AKWs Zwentendorf lässt die Herzen von Raumschiff-Enterprise-Fans höher schlagen: ein großes Steuerpult mit kantigen Monitoren und dutzenden Hebeln und Schaltern, an der Wand gegenüber Warnleuchten und Druckanzeigen. Zwei Sesseln, vier Wählscheibentelefone – eines davon in Rot, mit direktem Draht ins Bundeskanzleramt. Das einzige, was fehlt, sind Captain Kirk und Mr. Spock.

Ein paar Etagen höher blicken wir dem Reaktor ins Auge. Genauer gesagt, schauen wir in ein tiefes Loch, das sich in der Dunkelheit verliert. Die Röhren für die Brennstäbe sind leer und auch die Pumpen, die pro Sekunde 30.000 Liter kühlendes Donauwasser heranschaffen hätten sollen, stehen still. In Betrieb wäre das Becken über dem Reaktor mit Wasser gefüllt, das vor lauter Hitze blau leuchten würde: die Strahlung hätte Temperaturen von bis zu 4000 Grad Celsius produziert. Man steht hier und gruselt sich.

 

Präludium

Lange bevor heimische Milch für ein gutes halbes Jahr nicht getrunken werden durfte, weil es in Tschernobyl zur Katastrophe gekommen war, dachte man in Österreich schon über die friedliche Nutzung der Kernenergie nach. Gleich nach in Kraft treten des Staatsvertrages, der Österreichs Souveränität wiederherstellte, wurde eine Studiengesellschaft für Kernenergie gegründet und das Forschungszentrum Seibersdorf errichtet. In den späten 1960ern fiel dann die Entscheidung zum Start eines Nuklearprogramms, erste Pläne für Atomkraftwerke wurden erstellt – Atomstrom galt als günstig und als eine gute Möglichkeit, die Abhängigkeit vom Ausland zu reduzieren. 1969 war der erste Standort gefunden – nahe der Gemeinde Zwentendorf an der Donau in Niederösterreich, 1972 erfolgte der Spatenstich. Vier Jahre später war der Siedewasserreaktor fertig gebaut, der mit einer Leistung von 732 Megawatt rund 1,7 Millionen Haushalte mit Strom versorgen hätte sollen. Mittlerweile sah der Energieplan den Bau von insgesamt vier Kernkraftwerken in Österreich vor: ein weiterer Reaktor sollte in Zwentendorf entstehen, einer in St. Pantaleon an der Enns und einer in St. Andrä in Kärnten. Die Areale waren bereits angekauft und entsprechend gewidmet, im Endausbau waren 3300 Megawatt geplant.

Gleichzeitig formierte sich Widerstand. Viele der Protagonisten der späteren Grün-Bewegung wie Freda Meissner-Blau oder Günther Nenning waren erklärte Gegner der Atomkraft, sie riefen zu Protesten und Demonstrationen auf. Gegen den aufkeimenden Widerstand startete die SPÖ-Alleinregierung im Oktober 1976 ein halbjährige Atom-Informationskampagne. In den Spots ist die Rede davon, dass auch das Rad, als es erfunden wurde, Zweifler hatte, die den Zorn der Götter fürchteten. Das Schreckensszenario der Zwangsabschaltung wird in den Raum gestellt, es kommt tatsächlich das Satzfragment „Kernkraft – Kernenergie – Kerngesund“ darin vor. Die Frage, ob Atomkraft gefährlich werden könne, wird von seriösen Wissenschaftlern vehement verneint.

Der große Kater

1978, zwei Jahre nach Fertigstellung des Reaktors in Zwentendorf, wurden die ersten Brennstäbe geliefert. Es fehlte nur noch der endgültige Bescheid zur Inbetriebnahme. Allerdings war der Widerstand dagegen nun deutlich zu hören, und auch die ÖVP, die der Atomkraft grundsätzlich positiv gegenüber stand, hatte sich gegen Zwentendorf positioniert. So entschloss man sich bei der SPÖ zu einer Volksabstimmung. Die pronuklearen Kräfte gingen mit viel Power in diese Auseinandersetzung, und Bruno Kreisky warf sein ganzes, nicht unbeträchtliches Gewicht, in die Waagschale: sollte die Bevölkerung mit Nein votieren, so würde er zurücktreten.

Man war, gelinde gesagt, baff, als das Ergebnis der Abstimmung vom 5. November 1978 amtlich wurde: von rund 3,2 Millionen gültig abgegebener Stimmen machten exakt 30.068 den Unterschied – 50,47 Prozent votierten für ein Nein zur Atomkraft.

Nicht nur die politischen Befürworter waren wie vom Schlag getroffen. Auch die 200 Techniker vor Ort standen vor den Scherben ihrer Lebensplanung: jahrelang hatten sie sich in aufwendigen Schulungen, die sie bis nach Übersee brachten, das notwendige Know-How angeeignet – plötzlich war ihnen klar, sie würden ihren Beruf niemals in der Heimat ausüben können.

Noch im Dezember wurde im Nationalrat einstimmig das Atomsperrgesetz, das die Stromerzeugung aus Kernenergie in Österreich verbietet, beschlossen. Hinter den Kulissen freilich dachte man typisch österreichisch: mal abwarten, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Also wurde das AKW fürs Erste konserviert, ein Großteil der Mannschaft blieb für den Tag X auf Abruf. In den folgenden Jahren kamen immer wieder Stimmen auf, das Thema Kernenergie doch nochmals aufs Tapet zu bringen. Sieben Jahre später entschied man sich letztendlich doch, das Provisorium in Zwentendorf aufzugeben – bis dahin waren Baukosten von umgerechnet 1 Milliarde und Erhaltungskosten von 40 Millionen Euro angelaufen. Als es dann im Jahr darauf im Reaktor von Tschernobyl zur Katastrophe kam, verstummten auch die letzten Befürworter endgültig. Randnotiz der Geschichte: Kreisky trat natürlich nicht zurück und errang bei der nächsten Nationalratswahl im Jahr 1979 sogar seinen allergrößten Wahltriumph.

 

Kurioses Stück Zeitgeschichte

Einer der beiden Geschäftsführer beging Selbstmord, der andere baute später Windräder. Die Techniker gingen ins Ausland oder sattelten um: sie wechselten nur wenige Kilometer hinüber ins 1981-1987 als Ersatzkraftwerk gebaute Kohle-Gas-Kraftwerk Dürnrohr, das man hier errichtet hatte, um die vorhandene Leitungs-Infrastruktur sinnvoll zu nutzen. In Zwentendorf wurde es still. Ein einziger Wachmann auf dem vermutlich einsamsten Posten Österreichs drehte täglich seine Runden durch 1050 fensterlose Räume umgeben von 1,2 Meter dicken Stahlbetonwänden.

Immer wieder gab es Ideen für eine Nachnutzung, doch keine wurde realisiert. Weder das von Hundertwasser angedachte Museum der fehlgeleiteten Energien, noch Rogners Abenteuerland noch Udo Prokschs Friedhof der Senkrechtbestattung. Selbst ein hier geplanter Hollywood-Action-Film mit Dolph Lundgren kam nie in die Kinos. Die Kulissen und die Schauspielergarderoben waren fertig, einige Szenen im Kasten – dann ging die österreichische Produktionsfirma pleite. Auch als Ersatzteillager für andere Atomkraftwerke war dem Standort nur mäßiger Erfolg beschieden.

2005 schließlich kaufte die EVN die restlichen Gesellschafter aus und ist seither im Alleinbesitz. „Zwentendorf steht für jahrzehntelanges Scheitern“, sagt dazu EVN-Pressesprecher Stefan Zach, „Doch ich glaube, uns ist die Transformation von einem negativ konnotierten Ort zu einem Platz mit positiver Energie ganz gut gelungen.“ Heute wird hier, nach einem fünfjährigen Forschungsprojekt mit der TU Wien, am Gelände sauberer Sonnenstrom in der Größenordnung von 450 kW (peak) produziert. Zahlreiche technische Prinzipien kommen zur Anwendung – von einer Aufdach-Anlage über eine Fassaden-Anlage bis hin zu einem Freiflächen-Solarpark. Auf letzterem gibt es neben fix aufgeständerten Solargeneratoren auch der Sonne nachgeführte Systeme, die eine zusätzliche Stromausbeute von rund einem Viertel bringen. Am eingezäunten Areal wurden in Zusammenarbeit mit der Arche Noah alte Obstbaumsorten gepflanzt und die eine oder andere bedrohte Art hat hier ein ruhiges Refugium gefunden.

Zudem schult man Techniker, die sich in den nächsten Jahren daran machen werden, in die Jahre gekommene AKWs, etwa in Deutschland, rückzubauen, lässt Bergungsteams und Rettungshundestaffeln Einsätze üben und den TÜV verschiedene Tests durchführen. Stefan Zach, der sich, wie er selbst sagt, in den Ort verliebt hat, hat ein offenes Ohr für die meisten Anfragen: „Wir hatten schon Kunstevents und Filmsets, heißen Industriefotografen willkommen und stellen das AKW als Kongresslocation zur Verfügung.“ 2009 wurden im Rahmen einer großen Gala die Save-the-World-Awards vergeben, seit vorigem Jahr dient das Gelände dem Shutdown-Festival als großartige Bühne. Auch Privatbesucher sind willkommen, die kostenlosen Führungen durchs Doch-Nicht-AKW erfreuen sich großer Beliebtheit.

Deswegen wird die EVN das Kraftwerk wohl nicht gekauft haben? Stefan Zach gibt unumwunden zu: „Es ist ein Stück österreichischer Zeitgeschichte – aber natürlich sind wir ein Konzern, der wirtschaftlich denkt: wir haben hier 24 Hektar als Kraftwerk gewidmetes Areal mitten in einem Augebiet mit Schiffs- und Leitungsanbindung. Über vier Kilometer gibt es keine Nachbarn. Kurz gesagt: es ist ein Top-Standort, wie man ihn heute nicht mehr bekommt, für den wir vielleicht einmal die richtige Verwendung finden“. Derzeit gibt es keine Pläne, aber, so Zach weiter, „wenn jemand mit der passenden Idee kommt …“

Weitere Infos

www.zwentendorf.com

Lokalaugenschein: Wenn ihr das Gebiet erkunden möchtet, nehmt am besten das Rad. Zufahrt von Maria Ponsee in Richtung Auwald, von Bärndorf in Richtung Kraftwerk Altenwörth oder von der Bärndorfer Hütte, wie unten beim Badetipp beschrieben. Achtung: wegen des Eschentriebsterbens sind aktuell viele Areale gesperrt. Haltet euch bitte an die entsprechenden Schilder.

Badetipp: Fahrt zum Kraftwerk Zwentendorf (Zufahrt am Weg zwischen den Ortschaften Zwentendorf und Bärndorf), lasst es links liegen und parkt ein kleines Stück weiter hinten an der Bärndorfer Hütte. Diese ist für einen Einkehrschwung obligatorisch, denn es dürfen nur Anrainer und Gäste zufahren. Davor oder danach könnt ihr freilich nach Herzenslust baden: geht einfach die Straße weiter, biegt bei erster Gelegenheit nach rechts in den Auwald ab – und wenige Meter später steht ihr vor dem beschriebenen Paradies.